Unfähigkeit versus Selbstüberschätzung

Unfähigkeit versus Selbstüberschätzung

Es ist manchmal nicht leicht, alleine zu arbeiten. Man muss die Aufträge selber heran schaffen, muss die einzelnen Arbeitsschritte koordinieren und priorisieren, und letztlich muss man die ganze Arbeit auch noch selber erledigen. Selbständige witzeln immer, dass der Kern der selbständigen Arbeit darin liegt, dass man selbst arbeitet, und das auch noch ständig.

Allerdings ist es mit Sicherheit nicht besser, in einem Team zu arbeiten, in dem nicht alle Kollegen genau wissen, was zu tun ist. Und auch in der Lage sind, die Fähigkeiten ihrer Kollegen und vor allem auch die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Es ist nichts ehrenrühriges dran, sich der Tatsache bewußt zu werden, dass man dieses oder jenes nicht kann. Selbst vollkommene Unfähigkeit kann von einem Team aufgefangen werden, sofern der oder die Mitarbeiter/-in dieses Manko auf eine andere Art ausgleichen kann, etwa durch ein besonders freundliches Wesen, oder durch die Tatsache, dass die Person immer als Erstes im Büro ist und schon mal Kaffee für alle kocht oder so.

Aber besonders schwierig, um nicht zu sagen, für ein erträgliches Team-Leben unmöglich, wird es, wenn Unfähigkeit sich mit einer großen Selbstüberschätzung zusammen tut, wenn fachliche Unfähigkeit das Arbeiten der Anderen nicht nur ausbremst, sondern auch zum Stillstand bringt, wenn solche Unfähigen nicht etwa aus der Verantwortung heraus katapultiert werden, sondern immer weiter in die Führungsrolle protegiert werden. Dann wird es wirklich schwierig, vernünftige, gute Ergebnisse zu erzielen.

Diese Art von Unfähigkeit, die gar nicht glauben kann, dass sie wirklich unfähig sein kann, trifft man häufiger als man glaubt. Lautstark, über alles maulend, alles und jeden missliebig herunter putzend, nur die eigenen, vermeintlichen Fähigkeiten hervor hebend, stapft diese Art Mensch herum, jamert vom eigenen Leid, dass nur sie selbst die Arbeit zu leisten imstande ist und alle anderen Kollegen entweder zu dumm, zu unfähig, zu faul, oder schlicht alles auf einmal wären. Die Wissenschaft spricht hierbei vom Dunning-Kruger Effekt, subsummiert in der Aussage des Dr. David Dunning:

„Wenn man inkompetent ist, kann man nicht wissen, dass man inkompetent ist […]. Die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um eine richtige Antwort zu geben, sind genau die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um zu erkennen, was eine richtige Antwort ist.“

Nach Errol Morris: The Anosognosic’s Dilemma: Something’s Wrong but You’ll Never Know What It Is (Part 1). (Memento vom 22. Juni 2010 im Internet Archive) In: Opinionator. 20. Juni 2010 (englisch); abgerufen am 26. November 2020.

Was bei einem solchen Breitwand-Angriff auf alle umstehenden Kolleginnen und Kollegen, auf alle im Team und darüber hinaus übrig bleibt, sind nichts als Scherben. Kaputte Arbeitsbeziehungen, womöglich sogar vorzeitige Abgänge und Kündigungen, um dem Stress und Dauer-Terror zu entgehen. Nur um nicht ständig von einem faulen Apfel, der die ganze Ernte infiziert, mitgeteilt zu bekommen, dass man es nicht drauf hat. Ohne jemals den Gegenbeweis zu liefern.

Und so bleibt ganz weit unten nur die Hoffnung, die aber eigentlich wenn schon nicht von ganz oben anerkannt, dann aber doch von allen stillschweigend akzeptiert ist, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Auch wenn es noch nicht einmal glänzt. Selbst dann nicht.