So richtig entdeckt habe ich die Unschärfe erst vor sechs, sieben Jahren, als ich diese Ausstellung mit meinem ehemaligen Kompagnon Jan Gast machte. Wir nahmen eine Autofocus-Kamera, verstellten den Brennpunkt und zielten dann auf etwas, das wesentlich anders entfernt war, als das, worauf sich die Kamera eingestellt hatte.

Der Effekt war, daß wir die meisten Fotos dann gar nicht von unserem bevorzugte Supermarkt-Stunden-Entwicklungsservice abgezogen bekamen, weil „Die sind doch alle unscharf“. Einmal hat die Laborantin den Film sogar wegschmeissen wollen, was wir allerdings zu verhindern wußten.

Die Abzüge haben wir dann teils per Farbkopierer und teils per Computer bearbeitet und dann wiederum mit dem Kopierer auf A2 vergrößert. Dabei kamen Körnigkeit, Verschnutzungen und unschärfe erst so richtig zum Tragen, und wir hatten die Bilder, die wir wollten. Wir stellen das Ganze dann unter dem hintersinnigen Titel „Refraktion – Bilder gegen das Erinnern“ in der Gießener Kunstkneipe Domizil aus.

Die Reaktion der ausstellungsbesucher ging von Unverständnis bis hin zu wohlwollendem Beifall, denn in der Unschärfe lag das Bild für jeden einzelnen Betrachter verborgen. Ein jeder konnte etwas anderes erkennen und meinte, eine andere Gestalt oder den umriß von etwas Bekanntem zu sehen. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, den Betrachtgern mit Titelkärtchen das eigentliche motive zu nennen, die Ungewißheit über das Gesehene gehörte aber mit zum Erlebnis.

Kategorien: Kunst

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